Kirche und Reinkarnation

Das karmische Gedächnis - Baldur R. Ebertin
Das karmische Gedächnis - Baldur R. Ebertin

Es ist kein Geheimnis: Die offiziellen christlichen Kirchen, seien sie katholisch, evangelisch, den Sekten zugehörig, lehnen den Gedanken der Reinkarnation, der wiederholten Erdenleben, ab. Eine Ausnahme: Die anthroposophisch orientierte Christengemeinschaft.

Weil das so ist, kommen viele gläubige Menschen in Gewissensnöte, wenn sie sich einerseits ihrer christlichen Kirche verbunden fühlen, andererseits für Gedanken offen sein wollen, die noch jenseits kirchenchristlicher Dogmatik stehen. Hierzu zwei Zitate aus meinem Buch "Das karmische Gedächtnis - Reinkarnation und neues Bewußtsein" (4. A., Bad Wildbad 2002):

"Eine große Hilfe, wenn nicht die wichtigste, ist für den gläubigen Menschen die Religion, und für den Christen vor allem das, was mit göttlicher Gnade umschrieben wird."

Die offiziellen Vertreter der christlichen Kirchen scheinen die Meinung zu vertreten, daß durch den Gedanken der Reinkarnation und damit verbundene Einsichten eine Art "Do-it-yourself-Religion" entstehen könnte und damit der für Reinkarnation offene Gläubige eine Art Selbsterlösungs-Religion in die Hand bekäme und dann auf Göttliche Gnade verzichten könne.

"Zu fragen ist hier, ob es nicht gerade göttliche Gnade ist, wenn Menschen in Not der Blick in die Vergangenheit geöffnet wird, damit Einsicht entstehen kann und Fehleinstellungen korrigiert werden könnten. Ich habe bisher niemanden, der von der Reinkarnation überzeugt ist, gefunden, der glaubenslos gewesen wäre und sich dem Tat-Christentum entzogen hätte."

Auf einer Tagung der weltbekannten Basler Psi-Kongresse, zu der ich als Referent eingeladen war, lernte ich Professor Heinrich Beck kennen. Er war mir bereits ein Begriff durch seine Schrift "Reinkarnation oder Auferstehung - Ein Widerspruch"? (Innsbruck 1988), und ich hatte in meinem Buch "Reinkarnation und neues Bewußtsein" (Freiburg/Br. 1989) schon auf Beck` s Veröffentlichung hingewiesen. Erschienen war sein Beitrag in der Schriftenreihe für "Grenzgebiete der Wissenschaft" 1988 in Innsbruck, wo Beck einer der Referenten der von Professor Dr. Andreas Resch begründeten Tagungen "Imago Mundi" war.

Beim Lesen von Becks Ausführungen wurde mir erneut deutlich, daß es einen Unterschied gibt zwischen der offiziellen Lehre des Katholizismus einerseits und der Diskussion religiös-philosophischer Themen auf der höheren Ebene der Universitäten. Aus Becks Schrift seien nachfolgend einige Sätze entnommen. Unter der Überschrift "Reinkarnation als mögliche Alternative?" schrieb er:

"Ein irdisches Leben gibt niemals die Sicherheit, daß Läuterung und Aufwärtsentwicklung geschieht, da die freie Wahl zwischen Gut und Böse wesentlich sein Thema und Inhalt ist. Es ist daher von vornherein nicht grundsätzlich auszuschließen, daß die in einem früheren Leben vielleicht unter großen Anstrengungen und Opfern erworbene Bereitschaft und Fähigkeit zum Guten und zur Liebe nun in einem weiteren irdischen Leben wiederum leichtfertig verspielt wird.

Jedoch beinhaltet eine freie Wahlmöglichkeit neben der Gefahr des Absturzes auch die Chance des weiteren Aufstiegs. Da ferner die Person durch jede Entscheidung sich für eine in dieselbe Richtung gehende spätere weitere Entscheidung disponiert und so eine entsprechende Ausrichtung und Dauerneigung (= einen `Habitus`) zum Guten (bzw. Bösen) schrittweise in sich aufbaut, wird eine entgegengesetzte neue Entscheidung (obwohl sie prinzipiell stets möglich bleibt) immer weniger wahrscheinlich.

Denn der Mensch hat sich - in Freiheit - ja bereits selbst näher bestimmt. `Freiheit` ist nicht als punktueller Akt aufzufassen, sondern als Gesamtereignis, das sich in kleinen (und gelegentlich auch `großen` ) Schritten durch das ganze Leben entfaltet.

Der Mensch ist am Ende das, wozu er sich im Vollzug (!) des Lebens selbst gemacht hat; er ist in der Gesamtgestalt seines Lebens das Ergebnis seiner Freiheit. So wäre ein weiteres Leben keine `Tabula rasa` , sondern trüge in sich eine `Präformation` aus früheren - deren Ursprung freilich beim erneuten Eintauchen in die Hülle der Materie wie durch einen `Trank des Vergessens` verhüllt werden müßte, um die Freiheit eines wirklich neuen Lebens ungeschmälert zu gewährleisten."

Beck schloß seine Arbeit mit einer positiven Stellungnahme zur Reinkarnation:

Reinkarnation bleibt

"eine reale relative Möglichkeit im Sinne einer ontologisch umfassend verstandenen Liebe:

a) Zur Vervollkommnung des eigenen Seins (alternativ zum `Fegefeuer`), und

b) mehr noch zur erneuten und vertieften Mitwirkung bei der Vervollkommung anderer Menschen und der Menschheit im Fortgang der Geschichte. Das Motiv des Dienstes an den anderen läßt dann ausdrücklich das Wagnis eingehen, in dem erneuten irdischen Leben zu versagen und `abzustürzen`. Aber wegen des personalen Charakters der Liebe - sowohl von seiten Gottes als auch von seiten des Menschen - und der darin gründenden beiderseitigen Freiheit dürfte `Reinkarnation` dann nicht ein `anonymes` oder `zwangsläufiges` Geschehen darstellen, sondern jeweils von einem freien Wunsch der menschlichen Seele und einem freien Angebot ihres Schöpfers getragen sein."

Auch wenn wir die Meinung anderer Menschen hören und lesen, egal ob wir ihnen zustimmen oder nicht: Der mündige und selbstverantwortliche Bürger sollte auch selbst nachdenken, sich selbst seine Meinung bilden, für die er dann auch geradestehen kann.