Die Entdeckung der unbewußten Lebensgeschichte

Jeder von uns mußte sicher schon einen Lebenslauf schreiben, für die Schule, die Ausbildung, den Beruf. Doch im Allgemeinen gibt ein solcher Lebenslauf nur bruchstückhaft Einblick in die bisherige Lebensgeschichte mit ihren Hoch- und Tiefpunkten, Freuden und Enttäuschungen, mehr oder weniger guten und schlechten Erfahrungen.

Bei Bewerbungen um eine Position in einem Unternehmen halten sich die Stellungssuchenden meist mit Aussagen über sich selbst zurück, so als müßten sie möglichst viel von ihrer wahren Persönlichkeit verbergen. Dabei kann jemand doch nur dann gerecht beurteilt werden, wenn ein Optimum an Informationen über Werdegang, Interessen und Fähigkeiten verfügbar ist.

Wenn es nun einmal um den ungeschminkten Rückblick auf das eigene Leben geht, um Einsichten, warum das Leben in bestimmter Weise ablief, welche Folgerungen daraus für bisherige Reifungsprozesse und künftige Lebensgestaltung gewonnen werden können, dann wird es sich lohnen, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und von Zeit zu Zeit zu ergänzen.
Manche Menschen müssen sich regelrecht überwinden, Aufzeichnungen über sich selbst zu Papier zu bringen. Der Nutzen daraus ist jedoch, daß sogenannte

Aha-Erlebnisse

entstehen und damit wichtige Erkenntnisse über sich selbst und auch die Menschen des sozialen Umfeldes gewonnen werden können.
Wer von uns ist schon frei geblieben von Fehlschlägen und Mißerfolgen, von körperlichen und seelischen Verletzungen, von Phasen der Resignation und Trauer?
Wohl niemand! Aber wir können aus solchen negativen Erlebnissen wie auch aus unseren Freuden und Höhen des Lebens lernen. Das Wort:

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!

hat nach wie vor seine Berechtigung. Die Hintergründe von Fehlschlägen können in vielen Fällen erkannt werden, wenn man sich darum bemüht. Um sie künftig zu vermeiden und seine Lebensverhältnisse zu verbessern, können Strategien entwickelt werden.

Der Rosengarten in Bad Wildbad, nahe am „Haus Waldesruh am Sommerberg“, ein idealer Ort, um seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Der Rosengarten in Bad Wildbad, nahe am „Haus Waldesruh am Sommerberg“, ein idealer Ort, um seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Aber vor der Therapie muß die Diagnose stehen, in unserem Fall das Aufzeichnen der bisherigen Lebensgeschichte. Dazu nun einige Anregungen für jeden von uns, aber auch für Kurgäste und Patienten, die während ihrer Erholungs- und Regenerationszeit einmal bewußt intensiver als sonst über sich nachdenken und mit sich selbst beschäftigen wollen.

Anregungen zur Aufzeichnung der eigenen Lebensgeschichte

  • Bereiten Sie für alle 5 Lebensjahre einen Bogen DIN A 4 vor, also für die Zeit 0-5, 6-10, 11-15 Jahre usw.
  • Beschreiben Sie den Charakter, das Verhalten, den Beruf Ihres Vaters bzw. Ihrer Mutter.
  • Falls Sie Geschwister haben, beschreiben Sie auch deren Charakter, Verhalten und Beruf.
  • Halten Sie Rückschau auf die Art der Erziehung im Elternhaus: Konservativ, pedantisch, autoritär, liberal, beengend, fördernd, kirchlich, freigeistig.
  • Beschreiben Sie die Art des Lobes: Anerkennend, ermutigend, anregend, weitere Leistung fordernd, gute Leistungen und Taten als etwas Selbstverständliches ohne Beachtung.
  • Lassen Sie sich die Art der Bestrafung durch den Kopf gehen, ohne die gern gebrauchte Floskel, daß es ja immer gut gemeint war: „ Man brauchte mich nur anzusehen!“ - „Ich bekam immer gleich ein schlechtes Gewissen!“ - Klaps, Ohrfeige, Prügel und womit - Moralischer Druck - Erpressung - Entzug von Beachtung, Anerkennung, Zuwendung, Nachtisch, Süßigkeiten, Essen und Trinken, Schmusen und Liebe - Einsperren - Eine Zeit lang nicht miteinander sprechen - Erörterung der Fehler oder der Strafe - Verzicht auf Bestrafung.
  • Schildern Sie das Milieu des Elternhauses: Durchschnittlich, kleinbürgerlich, spießig, großzügig, gebildet, fordernd, fördernd, gleichgültig gegenüber höheren Werten.
  • Das geistige Niveau: Einfach, gehoben, anspruchsvoll, geistige Anregungen; Förderung von Lesen, Erlernen von Sprachen, von Musikinstrumenten, Einladungen, Gesellschaften, Sport, Reisen, Museumsbesuche, Ausstellungen.
  • Förderung geistiger Interessen: Literatur, Musikunterricht, Technik, Motoren, Sprachen, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Grenzgebiete des Wissens.
  • Ausbildung: Schulen, Lehre, Studium, Praktika, Beruf, Berufswechsel, Abbruch beruflicher Ausbildung, Aufstieg, Abstieg, Weiterbildung, Neuorientierung.
  • Kameradschaften, Freundschaften, Gruppen, Gemeinschaften, Sympathien und Antipathien.
  • Partnerschaften, Verhältnisse, Ehe(n), Trennungen, Scheidung. Bedenken Sie dabei, auf welche Art von Partner Sie „einrasten“, wie es zu Bindungen kam, aus welchen Gründen sie ggf. auseinandergingen. Was wirkte anziehend, was löste Trennung aus?
  • Schlüssel-Erlebnisse: Gravierende und das weitere Leben besonders prägende Ereignisse.
  • Mitmenschen: Familie, Verwandte, Nachbarschaft, Schule, Beruf, sog. Zufallsbekanntschaften.
  • Sympathien und Antipathien: Welche Menschen hatten Sie gern in Ihrer Nähe, welche hätten Sie am liebsten „auf den Mond geschossen“?
  • Beginnen Sie die Niederschrift möglichst bald und schreiben Sie, „wie es Ihnen aus der Feder fließt“. Beschönigen und entschuldigen Sie nichts. Wenn Ihnen im Augenblick nichts weiter einfällt, brechen Sie ab und ergänzen in den folgenden Tagen um das, was Ihnen inzwischen zusätzlich eingefallen ist.
  • Es gibt Aufzeichnungen, die Ihnen „die Tränen in die Augen treiben“ oder Sie aufwühlen. Lassen Sie diese Erregungen „nach oben“ in Ihr Bewußtsein kommen, weinen Sie ruhig, und nach einiger Zeit werden Sie deutlich Erleichterung spüren.
  • Wenn Ihnen beim Aufschreiben nach Musik zumute ist, dann wählen Sie bewußt die Art von Klängen und Melodien, die Sie im Augenblick als angenehm empfinden. Das kann eine Symphonie sein, ein Orgelkonzert, Gitarren- oder Mantra-Musik, Jazz. Bedenken Sie, Musik kann  eine  beruhigende, tröstende, heilende Wirkung haben. Wenn Sie dann den Wunsch haben, die Augen zu schließen und sich zu entspannen, dann kommen Sie diesem Verlangen nach. Es wird Ihnen gut tun.
  • Zur Lebensgeschichte gehören auch die Träume. Sie aufzuschreiben und über sie nachzudenken, kann ihren tieferen Inhalt erspüren und erkennen lassen.

In dem einen und anderen Fall kann der Wunsch entstehen, mit einem Fachmann aus Heilkunde, Psychologie oder Psychotherapie über die erstellten Aufzeichnungen zur Lebensgeschichte zu sprechen. Damit kann aus den eigenen Aufzeichnungen ein größerer persönlicher Gewinn gezogen werden.

Eine Ergänzung kann das Buch von Baldur R. Ebertin mit dem Titel: „Wenn die Seele den Körper nicht gesunden läßt“ sein (6. Auflage, 332 Seiten, 35 Abbildungen, 19.90 €. Lieferbar über den Buchhandel oder das Ebertin-Institut Publikationen, Panoramastraße 15, 75323 Bad Wildbad.