Justinus Kerner, einer der ersten Bade-Ärzte in Wildbad

In seinem 1811 erstmals erschienenen Buch "Das Wildbad" berichtet Kerner eine Reihe von Erfahrungen, die er während seiner Tätigkeit als Badearzt in Wildbad gesammelt hatte.  Für den heutigen Gast in der Vital-Therme oder dem Palais Thermal könnte die eine und andere Passage aus dem genannten Buch aufschlußreich sein, denn "damals" waren natürlich die Badegewohnheiten anders als heute, aber die persönlichen Erfahrungen mit dem Heilwasser sind die gleichen; deshalb seien einige Zitate erlaubt:

"Die Endwirkung einer Badkur trifft immer erst nach Beendigung einer Kur ein. Die meisten Kranken verlassen den Kurort als in der Reconvaleszenz begriffen, nicht als Genesene. Es ist höchst nöthig, darauf aufmerksam zu machen und einzuschärfen, daß man auch noch nach Verlassung des Kurorts die Lebensweise eines Reconvalescenten zu führen hat, und sich nicht sogleich wieder der alten Diät ergeben darf."

"Das gemeinschaftliche Zusammenbaden trägt auch vieles zur Unterhaltung bei, man spricht gemeinschaftlich über die Gefühle im Bade, über seine Wirkung; der Hypochondrist vergisst seine Grillen; der Gichtkranke seine Schmerzen, der an der Heilung schon fast Verzweifelnde schöpft neuen Muth und neue Hoffnung, indem er einen andern die wohlthätige Wirkung des Wassers preisen hört.…"

"Das gemeinschaftliche Zusammenbaden in diesem naturwarmen lebendigen Flusse und das Baden in stagnierendem Wasser in einer Kufe, verhält sich zu einander, wie ein gemeinschaftlicher Spaziergang in lebendiger freier Luft zu einem einsamen Sitzen in einer verschlossenen Stube."

"Uralter Volksglaube schon schrieb fließenden Wassern geheime, sympathetische Kräfte zu. Das baldige Ersterben gebundener Wasser leitet sich in Wahrheit auch daher, daß sie nun außer Verbindung mit dem allgemeinen Organismus der Erde, mit Wechselverhältnissen der Atmosphäre, gerissen sind, daß nicht mehr das Leben des Ganzen sie durchströmt, sie sind gleich vom Körper getrennten Gliedern, in denen die Bewegung fehlt, gleichsam aus der großen magnetischen Kette gerissene Gleiche."

"Somit vereinigt sich in diesen Bädern, als in einem Brennpunkt, alles, was je ein kranker Organismus von der Heilkraft eines reinen, lebendigen Brennquells und einer immer gleichen Naturwärme zu erwarten hat."

"Und wie ein schöner Frühlingstag, an welchem das Licht der Sonne im Bunde mit dem reinsten Äther uns umströmt, fachen sie selbst im Greis wieder neues Leben und frische Jugend an. Harmonisch, ungetrügt und wohlthuend ergießen diese frommen Nymphen ihre Wasser, und Segen werden sie gewiß auch dem bringen, der die Stufen ihrer Tempel mit Liebe und Glauben betritt."

"Die ununterbrochene Fortdauer desselben Wärmegrades in dem fließenden Strome, in dem der Kranke badet, muß eine wohlthätige Wirkung notwendig vermehren, welche dieses Wasser bekanntlich auf das Nervensystem äußert."

"Die Temperatur des Wildbader Wassers nach Fahrenheit ist der Blutwärme eines gesunden Menschen gleich … Vergebens sucht man in einem bis zu solchen Wärmegrad erhitzten Quellwasser, vergeblich in andern Bädern jene köstlichen Empfindungen, die Wildbads Heilquellen hervorbringt."

In einer Zeit des häufigen Mißbrauchs von Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmitteln ist es besonders wichtig, sich der natürlichen Möglichkeiten der Regeneration und Heilung zu erinnern, die ohne schädliche Nebenwirkungen den Menschen dienen können.